Gender im Sport

Leichtathletin Caster Semenya. Foto: imago

Man schrieb den 19. August 2009. Olympiastadion Berlin. Die Uhrzeiger rückten unvermeidlich gen Mitternacht. In dem großen Raum, in dem während der Leichtathletik- Weltmeisterschaften die Pressekonferenzen stattfanden, drängten sich die Journalisten. Sie harrten auf einen neuen Superstar der internationalen Laufszene, die erst 18jährige Südafrikanerin Caster Semenya. Gut eine Stunde zuvor  war der burschikose Teenager in fantastischen 1:55:45 Minuten über die neue blaue Kunststoffbahn zum Titel über 800 Meter gerauscht. Die Zweit- und Drittplazierte distanzierte sie um zwei Sekunden, über die Zwei-Runden-Distanz sind das Welten. Doch anstatt die Siegerin zu präsentieren, trat plötzlich der Generalsekretär des Weltverbandes IAAF, Pierre Weiss, vor die Medien. Semenya werde nicht zur Pressekonferenz erscheinen, teilte er mit. Begründung: Man wisse nicht so recht, ob Semenya „zu 100 Prozent“ eine Frau sei oder nicht. Die WM hatte ihren Eklat.

Seither verfolgt der „Fall Semenya“ die internationale Leichtathletik in regelmäßigen Abständen. Gerade vor Ringe-Spielen und internationalen Meisterschaften ploppt er stets neu auf. Die zweifache Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin aus dem Land am Kap muss sich seit zehn Jahren mit demselben Vorwurf auseinandersetzen: nämlich intersexuell zu sein. Also, grob gesagt, im Sinne der geltenden sportlichen Kriterien eigentlich gar nicht an Frauen-Wettbewerben teilnehmen zu dürfen. Vor den Welttitelkämpfen 2019, die am  27. September in der Gluthitze von Doha (Katar) beginnen, wiederholt sich nun im Grunde genommen das Spiel. Und das trotz zahlloser wissenschaftlicher Tests und Gutachten, trotz eines in der Geschichte der Sportwissenschaft wohl einmaligen Gelehrtenstreits, trotz monatelanger Anhörungen von Gynäkologen, Genetikern, Statistikern, Ärzten und weiteren Experten, trotz diversen Verfahren vor Sport- und anderen Gerichten.

Schon im Vorfeld der WM von Berlin hatten Gerüchte die Runde gemacht, Semenya sei eventuell  intersexuell. Als Indizien wurden eine ungewöhnliche Leistungssteigerung innerhalb nur eines Jahres, ihre tiefe Stimme und ihr maskulines Aussehen genannt. Ein Startverbot lehnte die IAAF jedoch ab, da „keine Beweise“ vorlägen. Nach ihrem deutlichen Sieg in Berlin reagierte der Verband jedoch auf die zunehmenden Zweifel und ordnete einen Test zur Überprüfung des Geschlechts von Semenya an. Die Entscheidung wurde in Südafrika mit Empörung aufgenommen und auch Menschenrechtsaktivisten kritisierten die Tests.

Schon lange vor Semenya machten Geschichten über Frauen in Männer-Wettbewerben die Runde. Prominentes Beispiel: die beiden russischen Schwestern Tamara und Irina Press – die zu ihrer Zeit im Kugelstoßen und Diskuswerfen alles abräumten, was es zu gewinnen gab. Ihnen wurde nachgesagt, ihr Geschlecht könne nicht festgelegt werden. Sie galten als Hermaphroditen (Zwitter, oder: doppelgeschlechtlich). Nach anderer Ansicht waren sie mit männlichen Hormonen gedopt. Spötter nannten die Schwestern „die Gebrüder Press“. Nachdem die Bestimmung des Geschlechts für alle international startenden Sportlerinnen 1966 zur Pflicht wurde (diese Tests wurden 2000 bei Olympia in Sydney wieder abgeschafft), verschwanden beide von der Wettkampfbühne. In der westlichen Presse verstand man diesen Rückzug als Eingeständnis. In den russischen Zeitungen wird dies bis heute dementiert.

Auch bei Semenya war 2009 die Aufregung groß, und einen Monat später berichteten mehrere Zeitungen, Untersuchungen hätten ergeben, dass die Südafrikanerin ein Zwitter sei, mit innenliegenden Hoden, ohne Gebärmutter und mit einem dreifach erhöhten Testosteronwert. Gleichzeitig räumte Südafrikas Verband ein, dass er vor der WM einen Geschlechtstest angeordnet hatte. Danach empfahlen die Mediziner, die Läuferin nicht nach Berlin zu  schicken. Was der Verband ignorierte. Zehn Monate später hob die IAAF ein Startverbot für Semenya wieder auf, das seit Ende der WM in Kraft war; eine Begründung dafür lieferte sie nicht. Was die Athletin als erlösende Nachricht auffasste, zog in Wahrheit neue Zweifel nach sich.

Die Rechtslage blieb diffus. Heute ist ganz offensichtlich: Der Sport war ein Jahrzehnt lang überfordert mit der Gretchen-Frage, ob Semenya, die nachweislich mit einem eher Männern zuzurechnenden Hormonhaushalt ausgestattet ist, bei Frauenrennen überhaupt starten darf. Die Athletin aus Pietermaritzburg, die alle Vorwürfe gegen sich bestritt, startete weiter, wenn auch unter Auflagen. Sie sahen vor, mittels Medikamenten ihren natürlichen Testoste-ronwert auf ein eher weibliches Niveau tiefer zu legen.

Und sie siegte weiter. Seit Jahren verlor sie kein Rennen über 800 Meter mehr. Dennoch schwang bei jedem Start immer die Frage mit: Wann ist eine Frau eine Frau? Oder zumindest: eine Frau, die bei einem Leichtathletik-Rennen starten darf? Ist sie es auch dann, wenn sie, grob gesagt, mit einem erhöhten Testosteronspiegel antritt, den ihr die Natur mitgegeben hat? Oder ist sie es nur, wenn ihr Spiegel unter einem bestimmten Grenzwert liegt? Für Letzteres, also einen Grenzwert, hatte sich der Leichtathletik-Weltverband zuletzt entschieden und verfügt, Semenya und alle Frauen mit erhöhten Werten müssten diese durch Einnahme von Medikamenten sozusagen herunterfahren.

Dieser Haltung schloss sich der Internationale Sportgerichtshof (CAS) jetzt im Sommer im Vorfeld der WM 2019 an. Aber selbst das Sportgericht geriet in dieser Sache in die Klemme. Die IAAF-Regeln seien einerseits diskriminierend, hieß es, seien andererseits aber auch “notwendig, angemessen und verhältnismäßig”, um die Rechtschaffenheit von Frauen-Wettbewerben generell zu gewährleisten. Weil damit, so weiter, das höhere Ziel verknüpft sei, „die Integrität der Frauen-Leichtathletik zu schützen“. Auch viele Experten bewerteten diese Entscheidung zunächst einmal als vernünftig. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte es „ein pragmatisches, nachvollziehbares und auch ausgewogenes Urteil“. Demnach darf der Weltverband auf Laufstrecken zwischen 400 Metern und einer Meile (1,609 Meter) eine Testosteron-Grenze festlegen für Frauen, die von der herkömmlichen Geschlechternorm abweichen und dadurch offenbar einen Leistungsvorteil haben. Untersuchungen ergaben, dass Frauen mit erhöhten Testosteronwerten einen, umgerechnet auf die 800-Meter-Distanz, Vorteil von bis zu drei Sekunden (und im Extremfall noch mehr) erreichen können. Bei der Ausgeglichenheit in der Weltspitze würde dies natürlich erheblich zu Buche schlagen.

Kritiker wiederum werfen der IAAF und dem CAS vor, es für vertretbar zu halten, im Sinne einer obs-kuren „Fairness” Frauen dazu zu zwingen, ihre natürlichen Hormonwerte durch Einnahme von Medikamenten zu senken, wenn sie ihren Sport ausüben wollen – sie also zum Doping zu zwingen. Und, so fragen andere, wer protestiere denn, wenn ein Team einen 2,29 Meter großer Basketballer in seinen Reihen habe, der seine natürlichen körperlichen Vorteile nutze und um 30 bis 40 Zentimeter kleineren Kontrahenten die Bälle in luftiger Höhe einfach wegschnappe? Wenn der Sport schon auf Chancengleichheit pocht, sagen wiederum Andersdenkende, brauche es eine einheitliche, harte Linie. Er dürfte im Grunde keine Ausnahmeregelungen mehr zulassen, und Asthmatiker – deren Zahl sich im modernen Hochleistungssport geradezu inflationsartig erhöht hat – müssten es dann halt akzeptieren, dass auch ihnen Grenzen gesetzt sind. Von der Natur oder von den Institutionen des Sports.

Völlig außer Acht gelassen wurden hier bisher freilich ethische und moralische Fragen des Sports. Fragen, die gerade in den zurückliegenden Jahren mit der intensiver werdenden Gender-Diskussion immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit drängen. Was macht ein solches Vorgehen, wie Semenya es über sich ergehen lassen musste und weiter muss, mit einem Menschen? Wenn, wie die „Süddeutsche“ fragte, die Blicke permanent an einem kleben? Wenn diese Welt „raunt und tuschelt, wenn sie selbst intimste Details an die Öffentlichkeit zerrt“? Wenn dieser Mensch also eine Attraktion ist, aber nicht für das, was er leistet, sondern für das, was er ist? Semenya, seit 2017 mit ihrer Partnerin Violet Raseboya offiziell verheiratet, hat diese Fragen meist an sich abperlen lassen. Zumindest nach außen.

Sie möchte uneingeschränkt als Frau anerkannt werden (und als solche starten), aber sie ist offensichtlich ein genetischer Ausnahmefall; aus den CAS-Prozessakten geht hervor, dass sie einen 46 XY-Chromosomensatz hat sowie im Körperinneren liegende Hoden. Menschen mit solchen intersexuellen oder hyperandrogenen Veranlagungen sind selten, im Spitzensport aber überproportional häufig zu finden. So gelten alle Medaillengewinnerinnen von Olympia 2016 in Rio über 800 Meter als solche: neben Semenya Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia. Die beiden Letztgenannten sind seit Inkrafttreten der neuen IAAF-Regel nicht mehr bei Wettkämpfen gestartet.

Es ist jedenfalls durchaus nachvollziehbar, wenn eine große Mehrheit der herkömmlich veranlagten Sportlerinnen fürchtet, abgehängt zu werden, wenn sie gegen immer mehr Konkurrenz mit scheinbar männlichen Merkmalen antritt. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort von der Chancengleichheit – auch für die andere, vermeintlich schwächere Seite. Selbst die IAAF hatte noch im Februar öffentlich ihre Besorgnis geäußert, wenn Semenya uneingeschränkt laufen dürfe, drohe man „die nächste Generation von Athletinnen zu verlieren“. Und eine Einteilung der Leichtathletik in Leis-tungsklassen, die von körperlichen Voraussetzungen geprägt sind (wie es in Kampfsportarten durchaus üblich ist) würde wohl, so steht zu befürchten, gerade der olympischen Sportart Nummer eins viel von ihrer Attraktivität nehmen. Wer will schon drei oder vier 800-Meter-Finals der Frauen sehen?

Der „Fall Semenya“ berührt, abseits vom Sport,  eine Kernfrage der heutigen Gesellschaft – die Integration. Wie viel Rücksicht muss die Mehrheit nehmen auf eine Minderheit, und sei sie noch so klein? Und wie sehr muss sich eine Minderheit den bestehenden Regeln anpassen und sich einfügen? Der Sport, der sich gern seiner integrativen Kraft rühmt, muss Antworten auf diese Fragen finden. Sicher ist bislang nur: Die Antworten werden nicht allen Beteiligten gefallen. Und sie werden nie allen Seiten gerecht.

Wie weit das Problem inzwischen reicht (oder reichen kann), mag diese kleine, auf den ersten Blick völlig nebensächliche Episode von den Pazifik-Spielen in diesem Sommer auf Samoa illustrieren. Dort hatte eine 41-jährige Neuseeländerin namens Laurel Hubbard zwei Einheimischen Gold im Gewichtheben vor der Nase weggeschnappt. Fast alle 200.000 Insulaner waren richtiggehend zornig. Was war passiert? Laurel Hubbard war, so stellte sich heraus, früher als Gavin durchs Leben gegangen. Erst mit 34 Jahren ließ er operativ sein Geschlecht ändern. Er ist also nicht intersexuell wie Semenya, sondern transsexuell. Schon als junger Mann hob er Rekorde, und trainierte natürlich wie ein Mann. Dass er jetzt Frauenwettbewerbe gewinnt, findet man auf Samoa „einfach unfair“. Und wer jetzt stöhnt, was geht uns das an, das sei doch weit hinten im Pazifik geschehen, dem sei gesagt: Laurel Hubbard ist im Begriff, sich für die Olympischen Spiele 2020 zu qualifizieren. Wahrscheinlich, so ist zu vermuten, ohne Sex-Test.

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