FCM: Treten auf der Stelle

Magdeburg, 02.10.2019: Alles hat zwei Seiten, lautet eine simple alte deutsche Weisheit. Eine Binse, zugegeben. Sie gelte jedoch, meinten schon die Altvorderen, nahezu überall. Selbst im so unvorhersehbaren Fußballgeschäft. Der FCM ist in der dritten Liga gerade dabei zu demonstrieren, wieviel aktuelle Wahrheit in dem doch ach so schlichten Satz steckt. Die Blau-Weißen sind seit acht Begegnungen ungeschlagen, meinen die einen und erwarten dafür, wenn schon nicht lautstarke Bewunderung, so doch allemal Anerkennung. Die Kritiker zügeln das Pferd von der andern Seite auf: Auf der Habenseite stünden eben auch erst zwei Siege, und überzeugend war davon, wenn man ehrlich ist, nur das  5:1 daheim gegen 1860 München. Magdeburg hat zudem so viele Unentschieden geholt wie keine andere Mannschaft der Liga, darunter gegen schwächer eingeschätzte Gegner wie Chemnitz und die beiden Aufsteiger Jena und Mannheim. Und, schwerwiegender noch: Als Absteiger aus der zweiten Liga rangiert der FCM im tristen Mittelfeld – also im Mittelmaß.

Mittelmaß? Was wollt ihr denn, werden jetzt ewige Optimisten einwenden und sich auf vor Saisonbeginn von der Geschäftsführung fixierte Vorgaben berufen. Der Club wolle doch erst in den nächsten drei Jahren, hieß es da, wieder die zweite Liga anpeilen. Bis dahin fließe – selbst wenn es derzeit am Pegel nicht ablesbar ist – noch viel Wasser die Elbe runter,  und ein achter Platz macht sich da gar nicht sooo schlecht. Ein weiteres (Nah)Ziel, das durch die Gegend geistert, sind jene vermaledeiten 45 Punkte, die man benötige, um erst einmal gegen das Gespenst des Abstiegs gewappnet zu sein. Spätestens hier zeigt sich, wie vertrackt solche Sätze über vermeintliche Ziele sein können – wenn diese relativ niedrig angesetzt sind. Sie stellen, so scheint es bisher, eher eine Bremse und in gewisser Hinsicht ein Alibi für die Akteure dar denn dass sie als Ansporn und Mutmacher wirken.

Bleiben wir bei den Fakten, denn Fußball, so beten es alle Wochenende für Wochenende herunter, sei nun mal zuallererst Ergebnissport. Nach einem Viertel der Saison steht der FCM auf Platz acht. Für einen Absteiger aus der zweiten Liga, der zudem mit 10,2 Millionen Euro einen der höchsten Etats der Liga besitzt, einfach zu wenig. Zu den Aufstiegsrängen beträgt der Abstand immerhin schon sieben Punkte, zu den Abstiegsplätzen jedoch nur vier. Sportdirektor Mike Franz verweist zwar nicht zu Unrecht darauf, es habe sich gezeigt, dass die Mannschaft nur schwer zu besiegen sei. Doch diese Aussage relativiert sich beim Blick auf die sechs Unentschieden, die die Punkteausbeute erheblich schmälern. Alles nur eine Momentaufnahme, natürlich. Die Saison ist noch lang. Ebenso richtig. Ex-Trainer Jens Härtel sprach einst davon, man dürfe sich in einem Titelrennen nicht zu früh aus der Deckung wagen. Na ja. Will man konziliant sein, könnte man es so ausdrücken: Der FCM befindet sich eben noch in einer Phase der eigenen Einordnung und der andauernden Selbstfindung. Also alles nicht so wild, könnte mancher rekapitulieren. Aber alles eben auch nicht so optimal. Es sollte schon ein kleiner Fingerzeig sein, dass jene Mannschaften, die im Sommer 2019 den direkten Sprung in die Zweitklassigkeit schafften (VfL Osnabrück und Karlsruher SC) sich seinerzeit nach neun Spieltagen eben auf den Positionen eins und vier tummelten.
 
Und da wäre noch ein Punkt, der zumindest den Fans gehörig gegen den Strich geht. In dem jeher von viel Rivalität und Eitelkeiten geprägten Kampf um die Herrschaft im mitteldeutschen Fußball liegen die Blau-Weißen derzeit deutlich im Hintertreffen. „Wird Halle die neue Macht in Mitteldeutschland?“, fragte dieser Tage der Branchendienst „3. Liga Online“ schon. „Aktuell“, so das Portal, „tritt ein Fall ein, der so vor 15 Monaten niemals abzusehen war: Das vermeintlich kleinere Halle läuft dem großen FCM, der nach dem Zweitliga-Abstieg noch nicht richtig in der tieferen Spielklasse angekommen ist, zumindest sportlich den Rang ab.“ Der FCM sei derzeit „mehr mit sich selbst beschäftigt als mit seinen Rivalen“. Mit Ankunft in der dritten Liga 2015 habe der FCM noch den Rivalen von der Saale übertroffen, stieg in die zweite Bundesliga auf und „sah Halle im Mittelmaß versinken. Jetzt hat sich eine ganz neue Gemengelage entwickelt.“
 
MAGDEBURG KOMPAKT versucht, an einigen Schwerpunkten die derzeitige Situation näher zu umreißen. Rudi Bartlitz

TEAM

Zu den positiven Seiten zählen sicher der nimmermüde Kampfgeist der Mannschaft und deren gute konditionelle Verfassung. Spielerisch hingegen gelingt – abgesehen vom 5:1-Erfolg über 1860 München, als der Knoten bereits zu platzen schien – bislang noch wenig. Es reicht eben nicht, bei einem Heimspiel wie gegen Duisburg auf 15 sehr ansehnliche Minuten zu verweisen, wenn es in den übrigen fünf Sechstel (!) der Partie nicht gelingt, das Ruder noch herumzureißen. Vor allem die beiden Auswärtsspiele bei den bislang wenig konkurrenzfähigen Ost-Nachbarn aus Chemnitz und Jena gerieten zur großen Enttäuschung, denn Magdeburg zeigt sich bislang nicht kreativ genug, um die Abwehrbollwerke dieser Spielklasse zu überwinden. „Der FCM tritt auf der Stelle“, monierte der MDR. Das Boulevardblatt „Bild“ sprach sogar von „Fußball zum Abgewöhnen“.

SPIELER

Es fällt schon auf, dass sich im ersten Viertel der Saison, was die individuelle Klasse betrifft, kaum ein FCM-Akteur in der Liga auf sich aufmerksam machen und Akzente setzen konnte. Selbst wenn die Verantwortlichen betonen, die Stärke des Teams liege ohnehin in der mannschaftlichen Geschlossenheit, zeigt sich Woche für Woche, wie herausragende Einzelkönner die Ergebnisse beeinflussen. In der vom Portal „3. Liga Online“ zusammengestellten „Elf des Monats August“ taucht beispielsweise kein Magdeburger auf. Nur Christian Beck und Jürgen Gjasula wurden dort für die Wechselbank tauglich befunden. Hinzu kommt: Bei Akteuren wie Charles Elie Laprevotte, Tarek Chahed, Marcel Costly und Rico Preißinger ist kaum eine Weiterentwicklung zu sehen.

EINKÄUFE

Nach dem Zweitliga-Abstieg verließen die Besten größtenteils den Verein, darunter solch spielprägende Akteure wie Marius Bülter, Philip Türpitz, Dennis Erdmann und Jan Kirchhoff. Aus dem Vorjahrsteam blieben nur noch elf Akteure übrig, 13 neue kamen hinzu. Die Einkaufsbilanz liest sich mehr oder weniger durchwachsen. Von den Neuen schafften nur Sören Bertram, Jürgen Gjasula, Dominik Ernst und mit Abstrichen Mario Kvesic und Thore Jacobsen den Sprung in die erweiterte Stammformation. Der Club verweist darauf, dass viele jüngere Spieler aus Nachwuchsleistungszentren noch nicht den Nachweis erbringen konnten, im rauen Alltag der dritten Liga überzeugend aufzutrumpfen.

TAKTIK

Eine prägende taktische Grundidee ist noch nicht so recht auszumachen. Gewiss, es soll schnell nach vorn gespielt werden. Offensive heißt das große Stichwort. Nur: Zu sehen war davon noch zu wenig. Selbst wenn Krämer wiederholt betonte, sein Team beherrsche mehrere Systeme (ob nun 3-5-2, 4-4-2 in flacher Ausrichtung oder als Raute, oder 3-4-3), eine favorisierte Formation war bisher schwer zu erkennen. Eine der Hauptursachen scheint zu sein, dass es in jener Zone, in der die Ideen für das Spiel nach vorn geschmiedet werden, offensichtlich an Akteuren mangelt, die über die dafür nötige Kreativität verfügen. Kvesic, der prädestiniert dafür erscheint und im Sommer für diese Aufgabe geholt wurde, fand noch nicht zu seiner Form, weil er sich wochenlang mit einer Verletzung herumschlug. Laprevotte, Preißinger, Jacobsen und Björn Rother, die ansonsten im Mittelfeld aufgeboten wurden, besitzen ihre Stärken ohnehin eher in der Defensive.

TRAINER

Stefan Krämer („Auf Beamtenfußball habe ich wenig Bock“) gilt gemeinhin als akkurater Arbeiter, manche nennen ihn Feuerwehrmann, und ein Motivationskünstler ist er obendrein. Einer, der sowohl die dritte Liga wie den Ostfußball aus jahrelanger Arbeit sehr gut kennt. Sein Engagement in den ersten neun Begegnungen ist beispielgebend, mit seinem wuseligen Lockenschopf ist er an der Außenlinie ständig in Bewegung, pusht seine Schützlinge. Nur: Von dem bei seiner Vorstellung in Magdeburg geforderten „mutigen und offensiven“ Fußball ist er noch erheblich entfernt.

MANAGEMENT

Noch wahren Geschäftsführer Mario Kallnik und Sportdirektor Franz die Ruhe, zumindest nach außen. Kallnik stellte sich der vergangenen Woche sogar demonstrativ hinter Trainer Krämer. „Ich bin bei ihm, wenn er sagt, dass die Mannschaft erst zusammenwachsen müsse, dass viele Neue, die wir holten, noch nicht so weit seien.“ Nach der erschre-ckend schwachen Vorstellung in Chemnitz kam es zu einer Zusammenkunft der Club-Leitung mit Trainer und Spielern, bei der die Defizite benannt worden. Von einer Krisensitzung wollte jedoch keine der Seiten reden, es sei eine „Art Workshop“ gewesen. Man verständigte sich auf Prinzipen, die für das Team gelten sollen:  Mentalität, Restraumverteidigung (vulgo: Verhalten bei gegnerischen Kontern), Kompaktheit, Umschaltverhalten und das Spiel nach vorn. „Diese fünf Punkte“, so Franz, „sind der Weg, den wir gehen wollen.“

PUBLIKUM

Die durchwachsenen Ergebnisse besitzen (noch) keinen Einfluss auf die Unterstützung von den Rängen. Die ist weiter ungebrochen und außergewöhnlich. Allein 4.000 Fans nahmen die fast 1.100 Kilometer lange Tour nach Kaiserslautern und retour auf sich, um ihr Team zu pushen. Krämer: „Das ist einmalig. Das schafft so mancher Bundesligist nicht.“ Selbst der Trainer des SC Freiburg, Bundesliga-Legende Christian Streich, war beim DFB-Pokal fasziniert von den Magdeburger Zuschauern. „Ich habe selten ein Publikum erlebt, dass so laut ist. Und wir spielen seit Jahren in der ersten Liga. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir Ohrenstöpsel mitgebracht.“ Dennoch: Ein leichter Rückgang der Zuschauerzahlen (derzeitiger Schnitt: 16.083) gegenüber der Vorsaison ist unübersehbar. Das hat nicht nur mit der Platzreduzierung durch die Baumaßnahmen zu tun. Dass selbst die DFB-Pokalbegegnung gegen Freiburg nicht ausverkauft war, sollte ein Hinweis sein. Bei der Zahl der verkauften Dauerkarten rangiert der FCM mit 11.700 Tickets auf Rang drei. Spitzenreiter ist Eintracht Braunschweig mit 12.872 Saison-Abos, dahinter folgt Kaiserslautern.  (11.715).

STADION

Eines der wenigen fast ausnahmslos positiv besetzten Themen. Die Arbeiten an den Traversen (es gab Ende 2016 statische Bedenken bei rhythmischem Hüpfen) und die Erweiterung gehen ohne Zeitverzug voran, und das will in einer von regelrechten Baustellen-Phobien (Tunnel, Brücke, Hauptverkehrsadern wie die B1) heimgesuchten Stadt schon etwas heißen. Derzeit finden 18.100 Zuschauer in der Arena Platz, in den nächsten Tagen könnten es bereits wieder 23.000 sein. Zur endgültigen Fertigstellung im Februar 2020 (und auch an diesem Termin rüttelt derzeit niemand) wird die um 5.000 Stehplätze erweiterte Spielstätte dann 30.000 Zuschauer fassen. Vielleicht das Erstaunlichste überhaupt: Der ursprünglich gesetzte Kostenrahmen von knapp elf Millionen Euro soll, so der derzeitige Stand, tatsächlich eingehalten werden!

Quelle: Magdeburg Kompakt

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